Performing Arts Festival / PAF Programm / Berlin

Erstes Performing Arts Festival (PAF) / Berlin

Performing Arts Festival

Aus 100° im Februar wird PAF im Mai, ein Performing Arts Festival mit rund 120 Performances aus den Bereichen Tanz, Theater, Walk-Act und Puppenspiel an 56 in ganz Berlin.
Das Hauptprogramm fand vom 27.-29.05.2016 statt, dem vorgeschaltet war eine Nachwuchsplattform vom 23.-25.05.2016, die sich auf die Spielstätten Hebbel am Ufer (HAU), Sophiensäle, Ballhaus Ost und Theaterdiscounter konzentrierte.

Man könnte auch denken, dass der Mai in Berlin ganz im Zeichen des Theaters steht, denn kaum ist das Theatertreffen (hauptsächlich ein Treffen der Stadt & Staatstheater) vorbei, fängt das Treffen der freien Szene an … Zufall oder Absicht? Das gute Wetter, im Vergleich zum alten Termin im Februar, ist ein Vorteil, vor allem für Performances im Stadtraum wie z.B. Écoleflanneurs und Places & Traces.

Das Festival wurde vom LAFT in Kooperation mit Hebbel am Ufer, Sophiensäle, Ballhaus Ost und Theaterdiscounter veranstaltet.

 

Mein PAF

… war diesmal 2 geteilt. In der ersten Wochenhälfte habe ich auf Veranstaltungen der Nachwuchsplattform einen LAFT-Informationsstand betreut. Zwei Mal in den Sophiensälen und einmal beim Festival Fest am Donnerstagabend in den Uferstudios.

Danach war ich am Wochenende privat und als Theaterscout in verschiedenen Aufführungen. Auch wenn ich, im Vergleich mit anderen Festival Besuchern, recht wenig besucht habe, so möchte ich doch darüber berichten.

 

LAFT Stand

Durch den Informationsstand konnte ich am Dienstag einem Impulsvortrag von Prof. Dr. Ute Pinkert (UdK Berlin) „Formen der Vermittlung“. Da ging es u.a. darum, wie man neue Zielgruppen definiert und wie, mit welchem zusätzlichen Angebot sie erreicht. Das Verhältnis und die intensivere Verbindung von Zuschauer und Kunst / Performance standen im Mittelpunkt dieses Vortrags und es war für mich sehr interessant.

 

Festival Fest

Am Donnerstag gab es dann, das große Fest und der LAFT-Infostand sollte draußen (Open-Air) aufgebaut werden, zusammen mit dem Akkreditierungsbereich.

Performing Arts Festival Wegweiser improvisiert
Performing Arts Festival Wegweiser improvisiert

Da die Veranstaltung im Heizhaus der Uferstudios stattfand, habe ich leider nicht viel von den Vorträgen und reden mit bekommen. Dafür gab es aber eine offene Probe von Novoflot, modernes Musiktheater / Oper im Hof. Sehr spannend es wurde in verschiedenen Sprachen Oper gesungen, u.a. auch in japanisch.

Performing Arts Festival Fest Deko
Performing Arts Festival Fest Deko

Algorithmen

Am Freitag hatte ich dann einen Tag frei und habe mir in den Sophiensälen Algorithmen von Turbo Pascal an gesehen. Ich bin ein Fan der Gruppe, nachdem ich vor 1-3 Jahren ihre Performance „8 Stunden“ erlebt hatte. Eine Inszenierung, deren Ziel es war, einen müde, unproduktiv aber glücklich zu machen und happy, trotz der Unproduktivität, nach hause zu schicken. Die Performance begann um 21:00 und dauerte bis 07:00 morgens … sie folgte dem Schlafrhythmus des Menschen … es gab Feldbetten, Mitternachtskonzert, Schlafwandeln, Traumbücher und vieles mehr …

 

Algorithmen

„Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen.“
Wikipedia

Eine sehr spannende Performance, in der man die Auswirkung von Sortierfunktionen, wie man anahnd von kleinen Informationen in Kategorien gesteckt wird. Der Bühnenraum war wie eine riesige Wartehalle aufgebaut, daruber Nummer – Bereich, 1-19, 20- … usw.

Zuerst konnte man sich hinsetzen, wo man wollte, danach wurde man platziert, nach Maßstäben, die einem verborgen blieben, oder man sollte sich aufgrund von Antworten oder Eigenschaften in bestimmte Bereiche setzen. Teilweise gab es dann von den Darstellern Informationen, zu welcher Gruppe man gehört. Statistische Fakten über Bevölkerung, Verhalten usw. wurden über Leuchtbänder eingespielt.

Es waren sehr unterhaltsame und nachdenkliche 90 min. Alltagsabläufe werden in Algorithmen übersetz und vice versa um so die Poesie von Quelltexten zu erforschen. Was macht es mit einem selbst, sortiert zu werden, die Funktion von Computerprogrammen, Suchmaschinen, Social Media Programe die unsere Daten speichern und Algorithmen anwenden am körperlich zu spüren. Wir alle wissen um die Vorgehensweise von Facebook & Google, von Filterblasen und auf Suchergebnissen basierend, passender Werbung, wir regen uns kurz auf, aber es bleibt doch virtuelle – nicht greifbar, die Inszenierung von Turbo Pascal ändert dies.

Sie gehen gedanklich noch weiter … was wenn bestimmte Personen aufgrund eines Algorithmus aussortiert werden und keinen Zugang mehr zu z.B. Gesundheitsfürsorge bekommen, was wenn … laut einem Artikel in der … kann / ist dies schon Realität in den USA … wann schwappt diese Welle zu uns und hebelt die Reste des Sozialstaates aus?

Senlima

Am Samstag war ich dann als Theaterscout in der Schaubude unterwegs, Senlima eine deutsch-indonesische Koproduktion von retrofuturisten und papermoon puppet theatre. Zusammengekommen sind beide Gruppen durch das Goethe-Institut und Senlima ist die erste gemeinsame Puppentheater Produktion.

Senlima erzählt eine einfache Geschichte von einem Mann, der mit seinem Papagei zurückgezogen in einer Kiste lebt. 6 Clowns finden diese Kiste, untersuchen sie, beobachten das Geschehen in der Kiste und lassen dann, mehr aus Zufall als Absicht den Papagei frei. Der Mann ist nun gezwungen die Kiste zu verlassen, um den Papagei wieder zu finden.

Diese Geschichte wird sehr poetisch mit Puppen, Schattentheater, Schauspiel und Video visualisiert. Die Mischung aus Schau- und Puppenspiel ist sehr gut. Man konnte sich rund 60 min lang in eine andere Welt hinein versetzen und träumen. Einzig auffällig war der für mich zu starke Bruch zwischen dem ersten Teil mit dem lauten Slapstick der Clowns und der sehr ruhigen Erzählung über den Weg des Mannes danach. Einen klaren Fokus zwischen „Action“ und „Ruhe“ zu wählen ist eine deutliche Setzung und das finde ich stark, aber jeder Teil für sich verträgt dann doch noch eine Spur des anderen, ganz wie das Ying & Yang Zeichen.

HERAKLIDEN.NET

Am Sonntag zum Abschluss war ich dann in der Wilnerbrauerrei, zu HERAKLIDEN.NET. Eine Theaterproduktion, die nach den Grenzen der Technisierung und Digitalisierung in der Gesellschaft und dem Menschen forscht. Heraus gekommen ist dabei der dritte Teil eines Zyklus.

Dieses Stück ist eine Mischung aus Performance und Live Rollenspiel, vergleichbar mit den Arbeiten der Gruppe machina.ex.

Performing Arts Festival HERAKLIDEN.NET
Performing Arts Festival HERAKLIDEN.NET

Ziel und Aufgabe der Zuschauer war es, ein Teil der Gesellschaft in der Stadt Hera, also ein vollkommener Heraklid zu werden. Dazu mussten man Aufgaben erledigen, Fragen beantworten, sich auf bestimmte Weise bewegen und sprechen. Man ging von Raum zu Raum, Level zu Level, angeleitet wurde man dabei von den Performern.

Mir machen solche Performances sehr viel Spaß, viel Interaktion und Spieltrieb. Hier in dieser Inszenierung gab es nur einen Handlungsstrang, man konnte nur einem Weg folgen, mal mit mehr oder weniger Punkten. Es gab keine inhaltlichen Abzweigungen, wo Entscheidungen der Zuschauer die Geschichte verändert hätten, das fand ich ein wenig Schade. Diese Freiheit hätte ich mir gerne gewünscht. Im Vergleich dazu, machina.ex, dort haben die Zuschauer, die als Gruppe Entscheidungen treffen konnten, die Geschichte an bestimmten Punkten verändert und die Geschichte hatte 16 mögliche Enden.

Das Kostümdesign und die Maske hat den Darstellern farbige Kontaktlinsen verpasst, was einen sehr eindrücklichen Effekt auf mich als Zuschauer hatte. Ich habe mit den Darstellern interagiert, ich habe mit ihnen gesprochen und ihnen dabei in die Augen gesehen, so wie Kommunikation abläuft … aber die Kontaktlinsen haben die Kommunikation verzerrt … ich konnte ihre Emotionen nicht mehr in den Augen sehen. Dies hat den Effekt, dass die Performer Machinen / Androiden darstellten, noch verstärkt hat.

Fazit:

Das Festival auf 50 -56 Spielorte aufzuteilen ist auf der einen Seite toll, mehr Gruppen, mehr Performances, man lernt mehr Spielorte kennen … es hat aber auch Nachteile, man verbringt sehr viel Zeit auf den Wegen dazwischen. Das Programmheft hat einem dabei leider nicht viel geholfen, denn dies war nach Anfangszeiten strukturiert. Für die Zukunft wäre es vielleicht gut, dem Programm eine Übersicht nach Stadtteilen beizufügen, sodass man schauen kann, was findet alles in relativ kurzer Distanz zueinander statt.
Ich habe es z.B. häufig gehört, dass viele sich für Nachgespräche und Diskussionsrunden interessiert haben, mussten aber gehen, da die nächste Performance am anderen Ende der Stadt ist und man noch gut 30 – 45 min dahin bräuchte.

 

p.s. wer Schreib-, Grammatik oder Kommafehler findet, darf sie behalten oder mir gerne eine Korrekturfassung zusenden.

 

 

2 Gedanken zu „Erstes Performing Arts Festival (PAF) / Berlin&8220;

  1. Liebe Kerstin, spannend zu lesen. Allerdings war das Festival nicht kuratiert, nur die Nachwuchsplattform war es. Das ist dann schon sehr wichtig. Jeder der einen Spielort „mitbrachte“ durfte spielen.
    Ich fand es auch nicht so einfach mit den vielen Spielorten. In die Brotfabrik ist während des Festivals wohl niemand auf Grund der PAF Werbung gekommen – da waren die Zuschauerzahlen während der Festival Tage sehr mässig. Ich spielte dort nochmal zwei Tage nachdem Festival und da kamen dann zwei Kolleginnen die ich bei der Berlin Diagonale kennen gelernt hatte und waren froh, das es noch ein Angebot gab, was nicht an den sehr vollen Festivaltagen stattfand. Lieben Gruß Bridge

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