Aussicht über Berlin

„Gestern – Heute – Morgen“ im Ernst Thälmann Park / Theater unterm Dach – Berlin

Die Kulturfritzen werden 30, das Theaterstück „Gestern, Heute, Morgen“ läuft seit einem Jahr und das Areal des Ernst Thälmann Park in F´Hain hat Premiere … äh, ne.

Korrekt: Den Ernst Thälmann Park samt Wohngebäude & Kulturareal gibt es seit 30 Jahre, das Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten im sozialen Netz – Kulturfritzen (Marc Lippuner & Anne Aschenbrenner) feiert seinen 1. Geburtstag. Um beides gebührlich zu feiern, hat das Stück „Gestern, Heute, Morgen“ im Theater unterm Dach Premiere.

Für uns Kultur-Twitterer & Blogger gab es neben dem Besuch der Premiere ein besonderes Bonbon, ein Tweetwalk (oder sollt ich besser sagen -run) mit zwei, dann 3, am Ende dann 4 Anwohnern.

Der Tweetwalk im Ernst Thälmann Park

Markus & Markus von der Anwohnerinitiative, begleiteten uns, einer als Reiseführer – der andere als Photograph. Sie konnten mit viel Wissen über die Vergangenheit und Zukunftspläne punkten, getoppt wurden sie aber von Günther. Einem über 90-jährigen Anwohner, der seit der Eröffnung 1986 im Ernst Thälmann Park wohnt. Ein unschätzbarer Zeitzeuge, der sich uns einfach so, weil es ihm Spaß macht, angeschloss.

Hochhaus Ernst Thälmann Park
Hochhaus Thälmann Park

Das Gaswerks Gelände

So erfuhr man z.B. viel über die Altlasten auf dem ehemaligen Gaswerksgelände („so lang man nicht buddelt, ist alles okay“) welches von 1873-1981 in Betrieb war. Dass das letzte Gasometer 1984 gesprengt wurde und 1986 schon die ersten Bewohner einziehen konnten. Dass es auf dem Gelände nicht nur DDR-Plattenbau, sondern auch moderne „Townhouses“ und die alten Verwaltungsgebäude des Gaswerks zu finden sind. In letzteren sind u.a. das Theater unterm Dach und das Bezirksamt Kunst und Kultur von Pankow.

Die Route ging quer über das Gelände, vorbei am nördlichen Rand wo die drei oben genannten Baustile optisch hart aufeinander treffen. Sehr zum Missfallen des vierten Anwohners, der sich uns anschloss: „… da die moderne Townhouse Optik nicht zur DDR-Platte passen würde und sich vonseiten der Architekten noch nicht mal bemüht wurde, auf eine architektonische Harmonie zu achten.“ (frei zitiert)

Townhouses versus DDR-Platte

Das die „hippen“ Towhouses (obwohl sie nicht direkt zum Gelände gehören) zur Gentrifizierung beitragen, da sie für „Normalverdiener“ nicht erschwinglich sind, da es zum größtenteils Eigentumswohnungen sind, dem stimme ich zu. Das Argument, sie passen optisch nicht zu den Plattenbauten stimmt auch, es ist ein Bruch da. Mein großes ABER ist: gleiches gilt für die Plattenbauten, auch sie passen nicht zu den Gründerzeit-Backsteinbauten. Auch da ist schon ein optisch-ästhetischer Bruch vorhanden. Warum ist der stilistische Bruch, der in den 80 Jahren begangen wurde „akzeptabler“ als der, der letzten Jahren? Vielleicht wäre eine möglichst große optische Vielfalt hier die beste Lösung.

Danach ging es über den östlichen Rand, begleitet unter Berichten über die Bebauungspläne des ehem. Bahngeländes, zum Teich. Im Thälmann Park gibt es einen Teich? Ja, gut versteckt, ein sogenanntes Kleinod, mitten zwischen den 16-stöckigen Plattenbauten. Dieser Teich wird von einer Anwohnerintiative gepflegt, da es allen anderen zu teuer ist.

Thälmann Denkmal

Nächste Station, das von der Greifswalderstraße gut sichtbare Thälmann Denkmal. Es wurde von Lew Jefimiwitsch Kerbel erschaffen, ist 14 m hoch, 15 m breit, 50 t schwer und besteht aus 200 Einzelteilen. Als das Denkmal gefertigt wurde, gab es keine weitere Bronze in der DDR, da es alle Vorräte aufbrauchte.

Ernst Thälmann Park Denkmal
Ernst Thälmann Denkmal

Zum Abschluss das sprichwörtliche „High“-Light, eine Fahrt in den 16. Stock eines der Hochhäuser, um die Aussicht mit Sonnenuntergang über Berlin zu genießen.

Aussicht über Berlin Ernst Thälmann Park
Aussicht über Berlin vom Dach eines Hochhauses im Thälmann Park

Die Geburtstagsparty von Kulturfritzen

Zwischen dem Tweetwalk und der Premiere waren noch gut 1,5 Stunden Zeit. Diese Zeit wurden von Marc Lippuner genutzt, um mit uns Bloggern / Twitterern auf den 1. Geburtstag der Kulturfritzen anzustoßen … Hipp Hipp Hooray!

Premiere Gestern, Heute, Morgen

Die Premiere von „Gestern, Heute, Morgen“ (Regie: Marc Lipunner) fand im Rahmen „30 Jahre Kultur im Ernst Thälmann Park“ (#etp30) statt. Es ist eine Produktion von portfolio inc., einem Theaterkolletiv um u.a. Marc Lippuner herum, das sich dem Dokumentartheater verschrieben hat.

Das gesamte Programm des Festes erstreckte sich über drei Tage (01.-03.04.16) und war mit Vernissage, Theater, Musik und Tanz sehr vielfältig.

Das Theaterstück „Gestern, Heute, Morgen“ ist eine Collage aus schriftlichen Aufzeichnungen, Gedanken der Beteiligten, Fotos, Gespräche, Statistiken und Texten wie „5 Thesen zum Theater der Zukunft“ (Esther Slevogt et al./ Blog Nationaltheater Mannheim). Aufgebaut ist das Stück als ein Spaziergang (Walkact) durch verschiedene Zeiten, Räume, Situationen und Gedanken.

Wandertheater

Man wanderte von der Probebühne des TuD, aka Rosengarten, über den Keller, unter das Dach und über verschiedenen Bühnen. Junge Darsteller der Jugendtheater-Etage fungierten dabei als „Reiseführer“. Ich finde solche Walkact´s sehr gut, sie sind eine tolle Alternative zu 6 Stunden in einem (vielleicht unbequemen) Theatersessel, sie bereichern das Theater. Ebenso habe ich ein Faible für Theater in alltäglichen und skurrilen Räumen, ganz im Sinne von Peter Brock „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein andere zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“ (P.Brook, Der leere Raum).

Der Spaziergang startete mit einer Probensituation („Die wohlpräparierte Frau“, Premiere am 21.04., Theater unterm Dach. Dies ging über zu einer hoch motivierte Schauspielerin, die uns eine Probestunde ihres Selbsthilfekurses gab. Titel des Kurses: „Hilf dir selbst, sonst tut es keiner“, mit irgendwas muss man sich als Darstellerin ja über Wasser halten.
Zur Eröffnung des Kulturareals im Ernst Thälmann Park sah die Sitaution noch anders aus, wie uns anschließend ein Genosse Parteifunktionär in einer flammenden Ansprache, direkt unter dem Dach mitteilte. Im Kellergewölbe ging es dann weiter mit der prekären Situation von darstellenden Künstlern, die mit dem Ausschank von Vodka (echt) an das Publikum endete.

Zum Abschluss trafen sich alle Zuschauer, zuvor wanderte man in Kleingruppen, auf der Bühne des TuD, wo es das große Finale gab. Während man sich inhaltlich bisher in der Vergangenheit und Gegenwart bewegte, kam nun die Zukunft dran. Genauer die Zukunft des Theaters in Ausblicken, Wünschen, auch konkrete zur Renovierung des TuD selber, und Utopien.

Fazit

Alles in allem ein sehr gelungener Start für das Jubiläum. Eine sehr spannender Tweetwalk, auch wenn das Tempo sehr hoch war. Allerdings die besuchten Orte machten es wieder wett.
Die Inszenierung war sehr gutes Dokumentartheater, welches mit viel Witz und Tiefsinn über das Areal, den damaligen und heutigen Kunstbetrieb erzählt und auch viele Fragen zum / über das Theater aufwirft. Besonders mit den Zukunftsaussichten und Wünsche, die auf der Bühne erzählt wurden, kann ich mich als Theaterschaffende sehr identifizieren. Ich hoffe, dass mit dieser Inszenierung dem „fachfremden“ Publikum ein guter ein Blick in die Situation der Kulturschaffenden (darstellenden Künstler) gegeben wurde, sodass diese die nächsten Inszenierungen, die sie sehen anders betrachten. Und vielleicht auch nach deren Entstehungsgeschichte / Produktionsbedingungen fragen werden.

p.s. wer Schreib-, Grammatik oder Kommafehler findet, darf sie behalten oder mir gerne eine Korrekturfassung zusenden.

Weitere Berichte über den Tweetwalk und die Premiere:

stage & Screen (Sascha Krieger): 30 Jahre Neugier

Ein Gedanke zu „„Gestern – Heute – Morgen“ im Ernst Thälmann Park / Theater unterm Dach – Berlin

  1. Liebe Kerstin,
    als Kulturfritze und PortFoliant zugleich danke ich Dir für den schönen Bericht, der den Abend noch einmal wunderbar lebendig werden lässt.
    Es wäre wunderbar, wenn sich Leute nach diesem Abend verstärkt damit auseinander setzten, unter welchen Bedingungen Theater in der freien Szene vielfach realisiert wird.
    Beste Grüße, Marc

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *